
Clara entdeckt ein geheimnisvolles, kicherndes Blatt vor ihrem Fenster, das sich als einsamer, witziger Freund namens Raschelbert entpuppt.
Clara kuschelte sich tiefer in ihre Bettdecke. Draußen war es dunkel, nur der Mond malte silberne Streifen durch die Wolken.
Mama hatte ihr schon vor einer Ewigkeit einen Gutenachtkuss gegeben, aber Clara konnte einfach nicht einschlafen.
Ihre Ohren waren gespitzt wie die eines kleinen Waldkauzes.
Da war es wieder!
Ein leises, feines Geräusch. Ein Rascheln, direkt unter ihrem Fenster.
Es klang nicht wie der Wind, der manchmal die Äste der alten Eiche vor dem Haus zum Seufzen brachte.
Nein, dieses Geräusch war… anders.
Es war ein bisschen wie Papier, das man vorsichtig knistert. Aber manchmal klang es auch, als würde jemand ganz leise kichern.
Ein kicherndes Knistern?
Clara zog die Decke bis unters Kinn. Ein kleines bisschen mulmig war ihr schon. Was konnte das nur sein?
Ein Igel, der nach Schnecken suchte? Nein, Igel schnaufen eher, als dass sie knistern.
Eine Maus, die sich im Efeu versteckte? Mäuse trippeln und piepsen, aber sie kichern nicht.
Die Neugier war stärker als die kleine Angst. Ganz vorsichtig schob Clara die Decke beiseite und tapste auf Zehenspitzen zum Fenster.
Sie drückte ihre Nase an die kühle Scheibe. Draußen war alles still. Der Mond schien auf den Rasen, und die Schatten lagen lang und dunkel.
Nichts.
Kein kicherndes Geräusch.
Clara wollte sich schon wieder umdrehen, da hörte sie es erneut.
Knister-raschel-hihihi.
Es kam direkt von unterhalb des Fensterbretts!
Jetzt packte Clara der Mut. Sie schob den Fensterriegel leise zur Seite und öffnete das Fenster einen winzigen Spaltbreit.
Ein kühler Nachtluftzug wehte herein und ließ ihre Vorhänge tanzen.
Sie beugte sich vor und spähte nach unten.
Zuerst sah sie nur die grauen Steine der Hauswand und ein paar dunkle Efeublätter.
Doch dann fiel ihr Blick auf etwas Ungewöhnliches, das direkt auf dem äußeren Fensterbrett lag.
Es war ein Blatt.
Aber kein gewöhnliches Blatt. Es war größer als die anderen Blätter im Garten und hatte eine seltsame, fast herzförmige Form.
Und das Merkwürdigste: Es schimmerte!
Ein ganz sanftes, grünliches Licht ging von ihm aus, als hätte es winzige Glühwürmchen verschluckt.
Clara hielt den Atem an.
In diesem Moment bewegte sich das Blatt. Es zitterte leicht, und wieder hörte sie dieses feine, kichernde Knistern.
Knister-raschel-hihihi.
Es war das Blatt!
„Hallo?“, flüsterte Clara so leise sie konnte.
Das Blatt zitterte stärker. Sein grünes Schimmern wurde für einen Moment heller, und die Adern auf seiner Oberfläche schienen ein lustiges Muster zu bilden, fast wie ein lächelndes Gesicht.
Raschel-knister-knister!
Es klang wie eine Antwort.
„Wer bist du?“, flüsterte Clara wieder, halb fasziniert, halb ungläubig.
Das Blatt bewegte sich wieder. Es raschelte in einer bestimmten Melodie. Erst ein langes Rascheln, dann ein kurzes Knistern, dann wieder ein langes Rascheln und noch ein paar schnelle, kichernde Knisterlaute.
Raschel… bert… knister… Raschelbert!
Clara musste kichern. „Heißt du Raschelbert?“
Das Blatt, Raschelbert, wackelte zustimmend auf dem Fensterbrett und sein Licht pulsierte fröhlich.
„Aber… was bist du?“, fragte Clara.
Raschelbert knisterte eine Erklärung. Es war ein bisschen schwierig zu verstehen, aber Clara lauschte angestrengt.
Er sei ein Knisterblatt, erklärte das Rascheln. Ein ganz besonderes Blatt, das nur nachts zum Vorschein kommt, wenn alle anderen schlafen.
Und er sei ein bisschen einsam, knisterte es weiter.
Deshalb sitze er gerne auf Fensterbänken und mache lustige Geräusche, in der Hoffnung, dass jemand wach ist und mit ihm spielt.
Er liebe Versteckspiele und Witze erzählen, erklärte das Blatt durch sein lustiges Geknister.
Clara musste lächeln. Die kleine Angst war wie weggeblasen. Ein kicherndes, leuchtendes Blatt namens Raschelbert – das war ja verrückt und wunderbar zugleich!
„Kannst du einen Witz erzählen?“, fragte sie leise.
Raschelbert schien begeistert. Er vibrierte aufgeregt und begann zu knistern:
„Warum… raschel-knister… fallen Blätter… hihihi… im Herbst vom Baum?“
Clara überlegte. „Keine Ahnung.“
Raschelbert knisterte die Pointe: „Weil… knister-raschel… sie sonst… BAUMWEH… bekommen! Hihihihi!“
Clara prustete los. Ein Blatt, das Witze erzählte! Das war zu komisch.
„Das ist ein guter Witz, Raschelbert“, kicherte sie.
Sie erzählte ihm, dass sie wegen seines Geknisters nicht schlafen konnte.
Raschelbert schien ein wenig betreten zu knistern. Es tut ihm leid, raschelte er. Er wollte sie nicht erschrecken, nur spielen.
„Ist schon gut“, sagte Clara. „Jetzt weiß ich ja, wer du bist.“
Sie schlug vor, ein ganz leises Spiel zu spielen. „Ich sehe was, was du nicht siehst“, flüsterte sie.
Raschelbert knisterte begeistert.
„Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist silbern und rund“, begann Clara und schaute zum Mond.
Raschelbert raschelte fragend. Dann knisterte er aufgeregt und wackelte in Richtung Himmel. Der Mond!
Dann war Raschelbert dran. Er knisterte etwas von dunkelgrün und kletternd.
„Der Efeu!“, flüsterte Clara.
So spielten sie eine Weile, ganz leise, nur mit Flüstern und Knistern.
Langsam wurden Claras Augen schwer. Das Gähnen kam von ganz allein.
„Raschelbert“, flüsterte sie müde, „ich muss jetzt schlafen.“
Das Blatt raschelte verständnisvoll, aber auch ein bisschen traurig.
„Aber ich höre morgen Abend wieder nach dir, versprochen“, sagte Clara.
Raschelberts grünes Licht wurde wieder heller. Er knisterte fröhlich.
Er versprach, ihr dann ganz leise, lustige Knistergeschichten zu erzählen, die beim Einschlafen helfen.
Clara lächelte. „Gute Nacht, Raschelbert.“
Sie schloss das Fenster vorsichtig, bis nur noch ein winziger Spalt offenblieb.
Zurück im Bett kuschelte sie sich wieder ein. Sie lauschte.
Von draußen hörte sie noch ein ganz, ganz leises, zufriedenes Knistern.
Es war kein unheimliches Geräusch mehr.
Es war das Geräusch ihres neuen, geheimen Freundes.
Mit einem Lächeln auf den Lippen und dem sanften Knistern im Ohr schlief Clara endlich ein, viel schneller als je zuvor.