Finn Fensterbank und die müden Regentropfen

Finn Fensterbank und die müden Regentropfen

Finn sitzt am Fenster und lauscht den Regentropfen. Sie sind müde von ihrer Reise und erzählen ihm lustige Geschichten aus den Wolken.

Finn saß am Fenster. Draußen regnete es. Nicht nur ein bisschen, nein, es schüttete wie aus Eimern.

Die Tropfen klatschten gegen die Scheibe. Plitsch! Platsch! Klack!

Finn seufzte tief. Eigentlich wollte er heute draußen im Sandkasten spielen. Eine riesige Ritterburg wollte er bauen, mit ganz tiefen Tunneln und einem breiten Wassergraben drumherum.

Aber bei diesem Regenwetter? Keine Chance.

Mama hatte gesagt: „Bleib schön drinnen, mein Schatz, sonst wirst du nass wie eine gebadete Maus und erkältest dich noch.“

Eine gebadete Maus? Finn musste kichern. Das klang irgendwie lustig. Wie sieht wohl eine Maus aus, die gerade gebadet hat? Hat sie dann einen kleinen Bademantel an?

Er drückte seine Nase fest an die kühle Fensterscheibe. Die Welt draußen sah ganz verschwommen und verwischt aus. Alles war grau und nass und irgendwie… langweilig.

Ein besonders dicker, fetter Regentropfen landete mit einem lauten Klatsch! genau vor seiner Nasenspitze.

„Na, du?“, murmelte Finn leise vor sich hin. „Wo kommst du denn plötzlich her?“

Der Tropfen schien für einen winzigen Augenblick stillzuhalten. Er glitzerte ein bisschen im grauen Licht. Fast so, als hätte er kleine Augen.

Finn blinzelte verwirrt. Hatte der Tropfen ihm gerade zugezwinkert? Ach, Quatsch. Regentropfen können doch nicht zwinkern. Das bildet er sich nur ein. Oder?

Noch ein Tropfen landete direkt daneben. Plopp! Dieser war etwas kleiner.

„Wir kommen von gaaanz weit oben!“, klang plötzlich eine winzige, helle Stimme in Finns Kopf. Oder war das nur das Geräusch, wie der Regen auf die Scheibe prasselte?

Finn runzelte nachdenklich die Stirn. „Von den Wolken?“, fragte er ganz leise, fast flüsternd.

„Jaaa!“, wisperte es wieder, ganz aufgeregt. „Wir sind eeeewig lange gefallen! Das war eine Rutschpartie!

Ein dritter Tropfen rutschte langsam und träge die Scheibe herunter. Zischhh… Er zog eine nasse Spur hinter sich her.

„Und es ist sooo furchtbar anstrengend“, brummte eine tiefere, richtig müde Stimme. „Ich will nur noch runter auf den Boden und endlich eine gemütliche Pfütze machen. Einfach nur daliegen und nichts tun.“

Finn musste unwillkürlich grinsen. Regentropfen, die müde sind vom Fallen und sich nach einer Pfütze sehnen? Das war ja eine verrückte Vorstellung!

„Seid ihr denn viele da oben?“, fragte Finn neugierig in Richtung der Fensterscheibe.

„Aber ja! Unendlich viele!“, piepste die erste helle Stimme, die Finn jetzt in Gedanken heimlich ‚Plitsch‘ nannte, weil sie so fröhlich klang. „Tausende! Millionen! Wir sind eine ganze Wolkenladung voll Abenteurer!“

„Und alle sind fix und fertig“, grummelte die zweite, brummige Stimme, die Finn für sich ‚Platsch‘ taufte, weil sie so erschöpft klang. „Diese Fallerei ist kein Zuckerschlecken.“

Finn überlegte angestrengt. Wenn man wirklich so lange fällt, von ganz, ganz oben aus den dicken, grauen Wolken, bis hier runter auf seine Fensterbank… das ist ja eine Riesenreise! Da wird man bestimmt hundemüde. Oder eben tropfenmüde.

„Was habt ihr denn auf eurer langen Reise alles gesehen?“, fragte Finn voller Neugier. Seine Langeweile war wie weggeblasen.

„Oh, sooo viel Tolles!“, erzählte Plitsch ganz aufgeregt und kullerte dabei ein Stückchen die Scheibe runter. „Ich bin durch einen riesigen Regenbogen geflogen! Der war so unglaublich bunt! Rot, orange, gelb, grün, blau, lila! Überall waren Glitzerfarben, es war wie in einem Zauberland!“

„Wow!“, staunte Finn mit großen Augen. „Durch einen echten Regenbogen?“

„Ja! Und ich habe lustige Vögel getroffen, die haben Lieder gesungen, die klangen wie Kicherschall und Glockengebimmel!“, plapperte Plitsch fröhlich weiter.

„Pah, Regenbogen und Kicherlieder“, mault Platsch und rutschte langsam hinterher. „Ich habe nur graue Wolken gesehen. Eine langweiliger als die andere. Und einen schlecht gelaunten Wind, der mich die ganze Zeit hin und her geschubst hat wie einen Federball. Ich wäre deswegen fast in einer dreckigen Dachrinne gelandet. Stell dir das mal vor! Igitt!“

Finn kicherte leise. „In einer Dachrinne? Was ist daran so schlimm?“

„Was daran schlimm ist?“, beschwerte sich Platsch lautstark. „Die war voll mit altem, matschigem Laub und klebrigen Spinnenweben! Da will doch kein anständiger Regentropfen landen! Zum Glück hat der Wind mich im letzten Moment doch noch weitergepustet.“

Ein ganz kleiner, feiner Tropfen zitterte ein wenig auf der Scheibe. Er funkelte fast, obwohl die Sonne gar nicht schien. Finn beschloss, ihn ‚Glitzer‘ zu nennen.

„Und du, Glitzer?“, fragte Finn ganz sanft, um den kleinen Tropfen nicht zu erschrecken. „Was hast du Schönes gesehen?“

Glitzer schien zu flüstern, so leise, dass Finn ganz genau hinhören musste: „Ich… ich habe einen schlafenden Wolkenriesen gesehen. Er war riesig und sein Bart sah aus wie weiße Zuckerwatte! Und er hat geschnarcht wie ein fernes Gewitter!“

„Einen Wolkenriesen?“, Finn machte riesige Augen. „Gibt es die wirklich da oben?“

„Pssst!“, machte Glitzer schnell. „Er schläft meistens tief und fest. Aber sein Schnarchen hat die ganze Wolke zum Wackeln gebracht!“

Finn stellte sich einen riesigen Riesen vor, der gemütlich auf einer weichen Wolke liegt und laut schnarcht. Das musste ja lustig aussehen!

Er nahm seinen Zeigefinger und malte auf die beschlagene Fensterscheibe. Einen großen, kugelrunden Riesen mit einem riesigen Wattebart.

„So ungefähr?“, fragte er die drei Tropfen.

Plitsch, Platsch und Glitzer rutschten ein kleines Stück näher an Finns Zeichnung heran, als wollten sie sie genau betrachten.

„Jaaa, genau so sah er aus!“, piepste Plitsch begeistert.

„Nur viel grimmiger hat er geschaut“, brummte Platsch.

„Und viel, viel, viiiiel größer war er“, hauchte Glitzer ehrfürchtig.

Finn malte weiter auf die Scheibe. Er malte den bunten Regenbogen, durch den Plitsch geflogen war. Er malte die Vögel, die Kicherlieder sangen. Er malte sogar die dunkle Dachrinne, in der Platsch fast gelandet wäre, aber er malte sie ohne Spinnenweben.

Die Tropfen erzählten unterdessen weiter. Von wild tanzenden Windböen, die sie wie in einem Karussell herumwirbelten, von kitzeligen Sonnenstrahlen, die manchmal kurz durch die Wolkendecke blinzelten, und von anderen Regentropfen, die waghalsige Wettrennen nach unten veranstalteten.

Finn hörte gebannt zu. Es war viel, viel spannender, den Regentropfen bei ihren Geschichten zuzuhören, als nur gelangweilt dazusitzen und auf besseres Wetter zu warten.

Aber er merkte auch, wie müde und erschöpft sie wirklich klangen. Besonders Platsch jammerte immer wieder: „Ich will doch nur endlich ankommen! Endlich platsch machen und mich ausruhen!“

Finn bekam richtiges Mitleid mit den kleinen Reisenden. „Ihr seid ja wirklich total K.O. von der langen Reise, was?“

„Und wie! Meine Tropfenfüße tun schon weh!“, stöhnte Platsch.

„Ein klitzekleines Päuschen wäre jetzt wirklich schön“, wisperte Plitsch sehnsüchtig.

Da hatte Finn eine Idee! Eine supertolle, geniale Regentropfen-Pausen-Idee!

Er sprang von der Fensterbank und rannte schnell zu Mamas Kräutertopf, der am anderen Fenster in der Küche stand. Dort wuchs herrlich duftendes Basilikum mit großen, starken Blättern.

Ganz vorsichtig pflückte Finn das allergrößte, stabilste Blatt ab, das er finden konnte. Es duftete wunderbar nach Sommer und leckerer Pizza, fand Finn.

Er rannte damit zurück zu seinem Fenster. „Passt mal auf, ihr drei!“, rief er den Tropfen aufgeregt zu.

Er schob das Fenster einen winzigen Spaltbreit auf. Kalte, feuchte Luft strömte sofort herein. Brrr, war das ungemütlich.

Blitzschnell legte er das große Basilikumblatt flach auf die äußere Fensterbank aus Stein, genau unter die Stelle, wo Plitsch, Platsch und Glitzer auf der Scheibe saßen. Er drückte es ein bisschen fest, damit der Wind es nicht gleich wieder wegpusten konnte.

Dann schloss er das Fenster schnell wieder und rieb sich die kalten Hände.

„So!“, sagte er stolz und zeigte nach draußen. „Eine Regentropfen-Ruhe-Insel! Extra für euch zum Ausruhen!“

Die drei Tropfen auf der Scheibe schienen einen Moment zu zögern. Sie bewegten sich nicht.

Dann rutschte Plitsch langsam los. Zischhh… und plopp! Er landete ganz sanft auf dem weichen, grünen Blatt.

„Ohhh!“, klang es erstaunt in Finns Kopf. „Das ist ja weich! Und es riecht so gut hier drauf! Viel besser als Dachrinne!“

Plitsch kullerte ein wenig auf dem Blatt hin und her, als würde er sich genüsslich ausstrecken und eine kleine Pause genießen.

Dann rutschte auch der grummelige Platsch die Scheibe runter. Er landete mit einem etwas weniger grummeligen Plumpf direkt neben Plitsch.

„Na gut“, brummte er, aber es klang schon nicht mehr ganz so müde und genervt. „Eine winzige Sekunde ausruhen geht vielleicht klar. Aber nur eine!“

Zuletzt kam der kleine Glitzer angezittert. Tipp! Ganz, ganz leise landete der winzige Tropfen auf der vordersten Spitze des Blattes. Er funkelte im grauen Tageslicht wie ein winziger, kostbarer Diamant.

Finn beobachtete fasziniert durch die Scheibe, wie nach und nach immer mehr Regentropfen auf dem Basilikumblatt landeten. Es sah aus wie ein geheimer, gemütlicher Treffpunkt für müde Himmelsreisende.

Finn lächelte zufrieden. Er hatte den Regentropfen geholfen. Seine eigene kleine Regentropfen-Tankstelle oder Ruhe-Oase gebaut.

Langsam, ganz langsam wurde der Regen leiser. Die Tropfen klatschten nicht mehr so wild und laut gegen die Scheibe. Nur noch ein sanftes Tippen und Tropfen war zu hören.

Plitsch, Platsch und Glitzer waren sicher längst vom Blatt gerutscht und unten in einer großen Pfütze angekommen. Bestimmt planschten sie jetzt dort unten vergnügt herum, dachte Finn. Platsch machte endlich seine wohlverdiente Riesenpfütze und war bestimmt glücklich.

Finn gähnte herzhaft. Das lange Zuhören und Malen und die Rettungsaktion für die Tropfen hatten ihn nun auch müde gemacht.

Er kuschelte sich gemütlich in die weiche Decke, die Mama ihm extra auf die breite Fensterbank gelegt hatte.

Das leise Tropf-Tropf-Tropf des nachlassenden Regens klang jetzt wie ein sanftes Schlaflied in seinen Ohren.

Finn schloss die Augen. Er träumte von kunterbunten Regenbögen, von kitzeligen Sonnenstrahlen, die Verstecken spielten, und von einem riesigen, laut schnarchenden Wolkenriesen mit einem Bart aus süßer Zuckerwatte.

Und vielleicht, ganz vielleicht, träumte er auch von drei kleinen, dankbaren Regentropfen – Plitsch, Platsch und Glitzer – die auf einem herrlich duftenden Basilikumblatt eine wohlverdiente Pause machten.

Draußen vor dem Fenster wurde es langsam dämmerig. Der Regen hatte nun fast ganz aufgehört. Nur noch ganz vereinzelt machte es Plopp auf Finns Regentropfen-Ruhe-Insel.

Schlaf gut, kleiner Finn. Und schlaft gut, ihr müden, weitgereisten Regentropfen. Morgen scheint bestimmt wieder die Sonne und trocknet alle Pfützen.