
Ein neugieriger Grashalm lauscht in die Nacht und entdeckt, dass nicht nur die Sterne, sondern auch die Wiese ihre ganz eigenen Geheimnisse hat.
Greta Grashalm war kein gewöhnlicher Grashalm.
Sicher, sie sah aus wie die Tausenden anderen Halme auf der großen, weiten Wiese. Sie war grün, ein bisschen kitzelig an der Spitze und bog sich sanft im Wind.
Aber Greta hatte Ohren, die feiner waren als die zartesten Spinnweben, und Augen, die neugieriger funkelten als Tautropfen im Morgengrauen.
Besonders nachts, wenn die Sonne längst hinter den Hügeln verschwunden war und der Mond wie eine schüchterne Silbermünze am Himmel hing, wurde Greta ganz wach.
Die anderen Grashalme schliefen schon längst. Sie träumten vom warmen Regen oder vom Summen der Bienen am Tag.
Aber Greta lauschte.
Sie lauschte in die Stille hinein, die gar nicht so still war, wenn man nur genau hinhörte.
Da war das Rascheln der Blätter im Wind, das leise Schnarchen einer Feldmaus in ihrem Bau und das ferne Rauschen des Baches.
Doch heute Nacht war da noch etwas anderes.
Ein ganz feines, hohes Geräusch. Es klang wie… ja, wie ein Flüstern.
Zirp… zirp… zirp…
Greta reckte ihre Spitze so hoch sie konnte. Wo kam das her?
Sie blickte nach oben, zu den unzähligen Sternen, die wie verschüttete Diamanten am dunklen Samthimmel glitzerten.
„Die Sterne!“, flüsterte Greta aufgeregt vor sich hin. „Die Sterne flüstern!“
Was konnten sie wohl erzählen? Geschichten von fernen Galaxien? Geheimnisse über den Mond? Oder vielleicht kicherten sie über die schlafende Wiese?
Greta musste es herausfinden.
Sie versuchte, sich noch ein kleines bisschen länger zu strecken. Vielleicht konnte sie dann besser hören?
Sie wackelte hin und her, stemmte sich auf ihre Wurzeln, aber sie wurde einfach nicht größer. Sie blieb ein kleiner Grashalm auf einer großen Wiese.
„Psst! Blümchen!“, zischelte sie zu einer Glockenblume nebenan, die sanft im Schlaf nickte.
„Hörst du das auch? Die Sterne flüstern!“
Die Glockenblume murmelte etwas Unverständliches, wahrscheinlich träumte sie von besonders süßem Nektar, und schlief weiter.
Greta seufzte. Niemand schien ihre Neugier zu teilen.
Plötzlich krabbelte etwas an ihr vorbei. Es war Rudi Regenwurm, der sich mühsam durch die Erde grub.
„Hallo Rudi!“, rief Greta. „Sag mal, hörst du auch, wie die Sterne flüstern?“
Rudi hielt inne und blinzelte mit seinen nicht vorhandenen Augen in Gretas Richtung.
„Sterne? Flüstern?“, brummte er. „Unsinn, kleiner Halm. Da oben ist nur kalte Luft und viel Nichts. Hier unten in der Erde, da ist das Leben! Feucht und dunkel.“
Und schon grub er sich weiter, auf der Suche nach dem leckersten Stückchen Erde.
Greta war ein wenig enttäuscht. Rudi war zwar nett, aber nicht sehr fantasievoll.
Zirp… zirp… zirp…
Da war es wieder! Deutlicher diesmal.
Ein winziges Lichtlein tanzte plötzlich vor Gretas Spitze auf und ab. Es war Luzie Leuchtkäfer.
„Huch!“, machte Luzie. „Wer starrt denn hier so in die Sterne?“
„Ich bin’s, Greta!“, sagte der Grashalm. „Ich versuche zu hören, was die Sterne flüstern. Hörst du es auch, Luzie? Dieses feine Zirp zirp?“
Luzie Leuchtkäfer lachte, dass ihr kleines Licht lustig flackerte.
„Flüstern? Ach Quatsch, Greta! Die Sterne blinken doch nur. So wie ich! Nur viel langsamer und ohne Herumfliegen.“ Sie machte eine flotte Pirouette in der Luft.
„Aber das Geräusch! Wo kommt es dann her?“, fragte Greta.
„Keine Ahnung“, sagte Luzie unbekümmert. „Vielleicht singt der Mond ein Schlaflied? Muss weiter! Fangen spielen mit den anderen Leuchties!“ Und schwups, war sie verschwunden.
Greta ließ ihre Spitze ein wenig hängen. Sollte sie sich das alles nur einbilden?
Zirp… zirp… zirp…
Nein, da war es ganz klar!
Langsam und bedächtig krabbelte ein alter Käfer auf sie zu. Er hatte einen glänzenden Panzer und weise Fühler, die bedächtig wippten.
Es war Herr Käfermann, der älteste und klügste Käfer der ganzen Wiese.
„Guten Abend, junge Greta“, sagte Herr Käfermann mit einer Stimme, die klang wie trockene Blätter, die im Wind rascheln.
„Du scheinst ja ganz aufgeregt zu sein in dieser schönen Nacht.“
„Oh, Herr Käfermann!“, rief Greta erleichtert. „Sie müssen mir helfen! Ich höre die ganze Zeit ein Flüstern, ein Zirp zirp, und ich dachte, es käme von den Sternen. Aber Rudi Regenwurm sagt, das ist Unsinn, und Luzie Leuchtkäfer hört es gar nicht!“
Herr Käfermann lächelte weise, soweit Käfer lächeln können.
„Ah, du hörst die Musik der Nacht, kleine Greta.“
„Die Musik der Nacht?“, fragte Greta verwirrt.
„Ja“, sagte der alte Käfer. „Das, was du hörst, ist nicht das Flüstern der Sterne. Sterne sind viel zu weit weg, ihre Geheimnisse behalten sie für sich.“
Er machte eine Pause und putzte sich bedächtig einen Fühler.
„Das Zirp zirp, das du hörst, das sind die Heimchen. Die kleinen Grillen, die hier im Gras versteckt sitzen.“
Greta lauschte noch einmal ganz genau.
Und tatsächlich! Das Geräusch kam nicht von oben, sondern von überall um sie herum aus dem Gras.
Zirp… zirp… zirp…
„Die Heimchen?“, flüsterte Greta erstaunt.
„Ganz genau“, nickte Herr Käfermann. „Sie singen ihr Nachtlied. Sie singen vom kühlen Tau, vom Duft der schlafenden Blumen und von den Schatten, die der Mond auf die Wiese malt. Das sind ihre Geheimnisse, die Geheimnisse der Wiese bei Nacht.“
Greta war still. Ein klein wenig war sie enttäuscht, dass es nicht die Sterne waren.
Aber dann spürte sie ein neues Staunen in sich aufsteigen.
Die Heimchen sangen! Die ganze Nacht war erfüllt von ihrem Lied, und sie hatte es vorher nie richtig bemerkt.
Sie lauschte dem Zirp zirp, und plötzlich klang es nicht mehr nur wie ein Geräusch, sondern wie eine Melodie.
Eine leise, sanfte Melodie, die perfekt zur funkelnden Stille der Nacht passte.
„Danke, Herr Käfermann“, sagte Greta leise.
„Gern geschehen, kleine Lauscherin“, brummte der Käfer freundlich. „Die Welt ist voller Wunder, man muss nur lernen, richtig hinzuhören. Nicht nur mit den Ohren, sondern auch mit dem Herzen.“
Damit krabbelte er langsam weiter, um nachzusehen, ob die Tautropfen schon bereit für die morgendliche Rutschpartie waren.
Greta Grashalm stand ganz ruhig da.
Sie blickte noch einmal zu den Sternen hinauf. Sie flüsterten vielleicht nicht, aber sie funkelten wunderschön und geheimnisvoll.
Und unter ihnen, direkt hier auf der Wiese, sangen die Heimchen ihr Lied.
Greta schloss ihre winzigen Grashalm-Augen.
Sie lauschte dem Zirp… zirp… zirp…
Es war das schönste Schlaflied, das sie je gehört hatte.
Und während sie langsam einschlief, träumte sie nicht von fernen Galaxien, sondern von tanzenden Leuchtkäfern, weisen Käfern und einem wunderbaren Konzert der Heimchen unter dem silbernen Mondlicht.